Auswandern nach Schweden - Ein Interview mit Ina Margret

Träumt ihr auch manchmal von einem Haus in Schweden? Wir haben mit Ina Margret gesprochen. Sie hat sich diesen Traum erfüllt und ist nach Schweden ausgewandert. Im Interview gibt sie uns interessante Einblicke zum Leben in Schweden und Infos darüber, was man beim Auswandern beachten sollte. Auf dem Instagram Profil von Ina Margret findet ihr noch weitere ihrer wundervollen Bilder und kleine Geschichten aus Schweden.

Stelle dich doch bitte einmal kurz vor. Wie alt bist du? Wie würden dich Freunde beschreiben. Was sind deine Hobbys und was machst du beruflich?

Ich heiße Ina, bin 27 Jahre alt und vor 2 Jahren nach Schweden ausgewandert. Aufgewachsen bin ich in Neuss am Rhein und habe erst in Bochum und dann in Düsseldorf studiert, also zwischenzeitlich auch im Ruhrgebiet gewohnt.
Für diese Frage habe ich tatsächlich ein paar Freunde zu Rate gezogen, weil ich das so gar nicht einschätzen konnte und auch nichts Falsches sagen wollte und habe ganz viele superliebe Antworten bekommen. Das, was die meisten gemeinsam hatten, war: mutig, empathisch und eine gute Zuhörerin, naturverliebt, reflektiert, lustig und wissbegierig/intelligent. Mich überrascht es, dass niemand mich als etwas zerstreut oder manchmal albern beschreibt, damit hatte ich ganz fest gerechnet. Meine Hobbies sind hauptsächlich kreativ. Ich fange oft ein neues Projekt an, aber oft bekomme ich nach kurzer Zeit Ideen für oder Lust auf etwas Anderes und lasse dann alles stehen und liegen, um mich der nächsten Sache zu widmen. Bisher war das: Stricken, Scrapbooking, Nähen, Bullet Journalling, Malen, Sticken und Snail Mail.

Es kann aber durchaus vorkommen, dass ich das Eine oder Andere doch nochmal wieder aufnehme, zum Beispiel möchte ich jetzt seit langer Zeit wieder mehr Zeit investieren und wieder ein Bullet Journal führen. Das Einzige, das ich langfristig betreibe ist die Fotografie und die hoffe ich irgendwann zumindest in Teilzeit auch zu meinem Beruf zu machen. Ausgebildet bin ich als Logopädin und arbeite seit kurzem auch in Schweden wieder als solche. Das war bislang aufgrund der Sprachbarriere nicht möglich und ich habe erst als Aushilfskraft in der Kinderbetreuung und dann ein Jahr als Grundschullehrerin in einer Schwangerschafts-/Elternzeitvertretung gearbeitet.

Was hat in dir den Wunsch geweckt nach Schweden auszuwandern?

Ich war schon immer neugierig darauf, in ein anderes Land zu ziehen. Denn ich bin immer gern gereist, aber hatte oft das Gefühl, die Kultur und das andere Lebensgefühl nur ganz oberflächlich kennenzulernen und war neugierig darauf, das mal zu ändern. Selbiges galt für die Sprache. Deutsch und Englisch haben mir nicht gereicht, aber mir war klar, dass ich keine andere Sprache fließend lernen würde, von der ich nicht täglich umgeben war. Dazu kommt meine große Liebe zur Natur und die Sehnsucht nach Wäldern und Seen und Stille. In NRW sind die Orte begrenzt an denen man wirklich alleine mit sich und der Natur sein kann. Als ich dann über Youtube und Instagram verschiedene Eindrücke über die schwedische Natur gesammelt habe und gesehen habe, dass es dort genau das gibt, wonach ich mich sehne, war es um mich geschehen. Eine Reise nach Nordschweden im Winter 2017 hat mein Verlangen nur noch verstärkt und mir deutlich gemacht, dass ich irgendwann dort wohnen möchte.

Wie ist der Ablauf, wenn man nach Schweden auswandert und was hattest du vorher nicht so erwartet?

Ich denke einen festen Ablauf gibt es nicht, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Ich habe inzwischen von manchen gehört, die innerhalb weniger Wochen ausgewandert sind und andere, bei denen es mehrere Jahre gedauert hat. Für mich war es so, dass ich nach dem Winterurlaub hin- und her überlegt habe, wie ich es angehen kann und ob das wirklich das ist, was ich möchte. Ich habe viel abgewogen was ich aufgeben würde und wie sehr mir das fehlen wird (mehr dazu in der nächsten Frage) und auch, dass die Möglichkeit ganz real ist, dass es mir in Schweden doch nicht so gefällt und ich wieder zurück nach Deutschland ziehe. Ich habe mein Auswandern ganz lange als „Umzug“ nach Schweden bezeichnet, weil ich mir zu Anfang zu unsicher war, was mich erwartet und ich nicht wusste, ob ich für immer bleiben können und wollen würde.

Als die Entscheidung getroffen war, habe ich dann meine Wohnung und meine Arbeit gekündigt und bin für die letzten Wochen in Deutschland zurück zu meinen Eltern gezogen. Ich bin unglaublich dankbar, denn die haben mich in der Entscheidungsfindung und in Allem was die Auswanderung betraf sehr unterstützt. Gleichzeitig habe ich Kontakte in meine neue Heimat geknüpft und zum Beispiel mit einer Sprachtherapeutin gesprochen, damit ich auch berufliche Kontakte hatte. Außerdem habe ich mit meinen jetzigen Nachbarn schon im Vorfeld Kontakt gehabt (mit viel Hilfe von Google Translate) und die haben mir ein sehr warmes, willkommenes Gefühl vermittelt.
Was anders war, als ich es erwartet hatte, waren einerseits bürokratische Hürden. In Schweden braucht man für ALLES die schwedische Personennummer und die gibt das Skatteverket (Steueramt) nur unter Einhaltung gewisser Kriterien, die allerdings zu der Zeit noch nicht sehr transparent auf der Homepage zu lesen waren, an Einwanderer heraus, selbst an EU-Bürger. Bei mir hat es circa zwei Monate und viele Nerven gekostet und ich habe mich gefühlt wie eine Kriminelle, denn das Auto, das ich gekauft hatte, war noch nicht auf mich gemeldet, das Haus auch nicht und alle Verträge (Strom, Versicherung etc.) natürlich auch nicht.

Das hat mich sehr verunsichert. Dazu kam das Zweite, was ich nicht so heftig erwartet hatte: Die Sprachbarriere. Ich konnte kaum Schwedisch als ich ausgewandert bin und mir war zwar im Vorfeld absolut klar, dass das Einschränkungen mit sich bringt, aber wie sich das anfühlt, damit hatte ich nicht gerechnet. Im Supermarkt stand ich oft sehr lange vor den Regalen, denn mal eben auf Schilder gucken geht nicht, wenn man sie nicht versteht, und Leute auf Englisch ansprechen war mir peinlich. Gleichzeitig hat es mich ungemein gestresst, wenn andere Leute irgendwas gesagt haben und ich es nicht verstand. Dieser Frust hat dazu geführt, dass ich die Messlatte für mich selbst sehr hoch gehängt habe und nach circa einem halben Jahr relativ fließend Schwedisch gesprochen habe, was mir aber auch psychisch viel abverlangt hat. Inzwischen spreche ich fließend schwedisch und arbeite auch wieder als Logopädin. Ich hätte selber gerne mehr Schwedisch gelernt bevor ich umgezogen bin, aber es gab leider keine Kurse außerhalb meiner Arbeitszeiten und so war ich auf Sprachlernapps und Google Translate angewiesen.

Was findest du ganz besonders Schön an deiner neuen Heimat? Gibt es etwas was du aus Deutschland vermisst?

Ganz besonders gefällt mir, wie intensiv hier die Jahreszeiten sind. Kein Tag gleicht dem anderen und jeden Tag merkt man wie sich das Licht verändert. Im Sommer sind die Nächte nie richtig dunkel und im Winter die Tage nie richtig hell, das finde ich total cool und den Übergang vom Einen zum Anderen merkt man jeden Tag. Heute haben wir einen Schneesturm. Als ich aufgewacht bin waren es -20°C draußen und nun ist es zwar wärmer (-4°C), aber es ist sehr windig und über Nacht wird bis zu ein halber Meter Schnee erwartet. Es wird vor Stromausfällen gewarnt und morgen bleiben die Schulen hier geschlossen; das hätte mir in Neuss nie passieren können!
Mir gefällt auch die Ruhe und Entspanntheit der Menschen hier. Vieles wird viel entspannter betrachtet und behandelt als in Deutschland, und das lässt auch mich ruhiger wirken, aber manchmal kann das auch im Wege stehen. Während der Pandemie hätte ich mir eine stärkere Linie von der Regierung gewünscht, so wie es sie in Deutschland gab.

Prozentual gesehen gibt es hier viel mehr Fälle als in Deutschland und das ist gerade bei der geringen Bevölkerungsdichte echt erschreckend.
Das, was ich aber am meisten vermisse ich die Infrastruktur. Ich liebe es so zu wohnen, dass ich nachts die Milchstraße sehen kann, aber mal eben in der Stadt einen Burger essen oder ein spontaner geselliger Abend mit Freunden ist hier nicht so einfach möglich. Es gibt keinen Bus, der abends oder nachts noch bis zu meinem Dorf fährt und selbst in der nächsten Stadt gibt es nur eine einzige kleine Kneipe. Das war in Deutschland mit der Düsseldorfer Altstadt „um die Ecke“ und sowohl Bahn- als auch Busverbindungen selbst spät nachts deutlich leichter.
Manchmal - ganz selten - fehlen mir sogar die ganzen Menschen. Dieses Gefühl, wenn man auf den Bus oder Zug wartet und Leute vorbeieilen sieht und sich fragt, wohin die wohl auf dem Weg sind. Aber dieses Gefühl war ganz schnell vorbei, als ich 2019 mal in Deutschland war. Ich war total überfordert mit der großen Menge an Leuten überall, gerade weil ich es ja nicht mehr gewohnt war!
Außerdem vermisse ich Drogeriemärkte. Hier gibt es Kosmetikartikel nur in den Supermärkten und die Auswahl ist sehr begrenzt. Naturkosmetik sucht man vergebens und für eine neue Wimperntusche oder Eyeliner muss man schonmal bis zur nächstgrößeren Stadt circa eine Stunde fahren.

Was würdest du anderen empfehlen, die den Traum von einem Haus in Schweden haben?

Bereitet euch finanziell und mental gut darauf vor. Wägt ab, was ihr zurücklasst und habt einen Plan B, was ihr macht, falls es in Schweden nicht (direkt) klappt. Tretet mit Leuten in Kontakt, die euch vor Ort helfen können (es gibt zb Facebookgruppen und Blogs) und zwar am besten sobald ihr wisst, dass und wohin genau ihr ziehen möchtet. Geht in die lokalen schwedischen Facebookgruppen, denn Facebook ist in Schweden noch sehr beliebt und wird in Dörfern und Ortschaften wie ein schwarzes Brett für allgemeine Infos oder Immobilienvermittlung genutzt. Und vor allem: Seid mit Herz und Seele dabei!

Falls ihr mehr über Ina Margret erfahren wollt schaut unbedingt mal auf ihrem Blog und Instagram Profil vorbei.

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